Interview mit Bernhard Hellstern zur 1000. Keynote von Prof. Dr. Friedrich Faber

30. Oktober 2016

»Es ist die Freude an dem Unerwarteten«

Vor über 20 Jahren zündete Prof. Dr. Friedrich Faber – alias Bernhard Hellstern – das erste Mal als Redner eines seiner rhetorischen Feuerwerke. Jetzt sind 1.000 Auftritte des falschen Professors auf Tagungen, Konferenzen, Kongressen und Symposien zusammengekommen: Zum 25-jährigen Jubiläum des unabhängigen Netzwerkes für den Bereich ICT, Regina e.V. spielte er gestern in Aachen, – passend zu seinem eigenen Jubiläum im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Im INTERVIEW erzählt Schauspieler Bernhard Hellstern, wie es ist, eine Figur 1000 Mal zu spielen und warum er sich noch nie einen neuen Koffer gekauft hat.

1000 Reden, das ist eine Menge. Bist Du vor einem Auftritt eigentlich noch aufgeregt?
Auf jeden Fall. Es ist für mich immer wieder spannend und aufregend. Und das ist auch ganz wichtig. Dieses Adrenalin brauche ich für einen guten Auftritt. Klar, Souveränität ist da, aber die Aufregung bleibt. Für jeden Anlass schreibe ich eine neue Rede und jede Situation ist anders. Außerdem habe ich als Faber auch keinen Entertainer-Bonus. Die Leute wissen ja anfangs nicht, dass ich ein Schauspieler bin. Daher ist es immer wieder eine Herausforderung, den Spannungsbogen aufzubauen, um die Leute zu kriegen.

Also wird es auch nicht langweilig so lange die gleiche Rolle zu spielen…
Ich spiele ja nach wie vor auch viele andere Rollen und Formate. Aber, nein, es wird überhaupt nicht langweilig. Im Gegenteil: Mein Ziel ist es, noch mit 80 den Faber zu spielen.

Was fasziniert Dich besonders an dieser Rolle?
Alles. Es fängt schon mit dem Charakter an. Den Charakter vom Faber habe ich während eines Bauarbeiterprogramms entwickelt, das wir 1993 als Walk-Act gespielt haben. Das war eine ganz bodenständige Figur, ein durch und durch einfacher Mensch. Als Ali Wichmann dann die Idee für eine Rednerfigur hatte, sprach er mich irgendwann an und sagte: Mach Du das mal – als Faber. So kam es, dass die bodenständige Faber-Figur einen Oberstatus erhielt mit intellektuellem Background. Wissenschaftliche Aussagen werden bei ihm mit Bauernweisheiten bespickt – da entsteht eine Komik, die eine enorme Wirkung zeigt.
Spannend ist natürlich auch immer das Spiel zwischen echt und nicht echt. Die Figur ist zwar nicht echt. Aber die Aussagen stimmen. Meine Reden sind inhaltlich völlig stichhaltig, teilweise nehme ich auch politische Standpunkte mit rein und meine Statements können sehr heftig sein. Es ist immer ein Spiel mit Brücken. Und natürlich der verdeckte Ansatz. Es ist die Freude an dem Unerwarteten.

Wie kann man sich diese »heftigen Statements« vorstellen?
Ich setze Spitzen an und bin provokativ. Mein Leitspruch ist: »Wo die Freiheit geknechtet wird, wird die Phantasie zur Waffe«. Dies trifft auch bei meiner Redner Figur zu. Wir versuchen ja auch eine kritische provokative Denke zu vermitteln. Wir wollen über die Querdenke kreativ sein. Legendäre Sätze wie: »Der Fisch stinkt vom Kopf her«, sind Beispiele dafür. Es sind teilweise schon sehr heftige Aussagen. Aber so ist es ja. Der Redner geht hier an die Grenzen und darf piksen. Dabei funktioniert er immer als »Aufwecker«, nie als »Bespaßer«, d.h. meine Figur hat nichts mit Klamauk zu tun. Es ist immer eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema, nur eben nicht seicht, sondern provokativ.

Gibt es Elemente, die in allen Vorträgen vorkommen?
Natürlich, unglaublich viele. Zum Beispiel mein Spiel mit den Anglizismen und Abkürzungen, dem »Kürzelwahn«. Am Schluss stelle ich beispielsweise meine angeblich veröffentlichten Bücher vor. Da gibt es mein Hardcoverbuch über die »Sozioemotionale Kommunikationskompetenz«, davon gibt es auch ein Taschenbuch und die »Fif«, das heißt »Fast-Information Fassung«, und dann noch die »mupf«, die »Miniatur-Power-Fassung«. Wie gesagt, da gibt es eine Menge Elemente, die ich jedes Mal einbaue. Ganz wichtig sind auch meine Requisiten, die ich immer dabei habe. Zum Beispiel meinen Koffer. Der ist 50 Jahre alt. Den habe ich mir gekauft, als ich früher als Verwaltungsbeamter in der Behörde gearbeitet habe. 15 Jahre lang hat er mich dort begleitet, dann war er immer dabei als ich im politischen Straßentheater aktiv war. Danach lag er lange auf dem Dachboden. Für den Redner habe ich ihn wieder hervorgeholt. Er ist ein Bestandteil des Programms geworden, inzwischen musste ich ihn mehrfach reparieren und flicken. Er bildet quasi eine Brücke in mein früheres Leben, er ist aus der Zeit gefallen und einfach schräg, so wie meine Rednerfigur.

Wenn eine Firma Dich einmal gebucht hat, dann hast Du dich ja quasi geoutet. Ist dann ein zweiter Auftritt für den gleichen Kunden überhaupt möglich?
Auf jeden Fall. Hier an der Wand hängen alle meine Namensschilder mit denen ich schon aufgetreten bin. Ich trete dann unter anderem Namen auf. Momentan sind 60% meiner Auftritte bei Kunden, für die ich schon mal gespielt habe.

Merken alle Zuhörer irgendwann, dass die Rede ein Theaterprogramm ist?
Spätestens, wenn ich gegen Ende des Vortrages mich so in Rage rede und letztendlich auf die Knie falle, wird klar, dass ich nicht »echt« sein kann. Trotzdem begeistere ich die Leute oft dermaßen, dass sie mir am Schluss meine eigene Auflösung (wenn ich dann explizit sage, dass ich ein Schauspieler vom Scharlatan Theater bin) nicht mehr glauben. Es gab mal einen, der kam nach dem Vortrag zu mir und sagte: »Ich habe Ihnen alles abgenommen, nur am Schluss ihre Auflösung nicht. Das war der einzige Satz, den ich Ihnen nicht geglaubt habe«.

 

Sind Sie neugierig geworden?

 

Die Scharlatane gratulieren Bernhard Hellstern zum 1000. Auftritt:
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Prof. Dr. Friedrich Faber


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