»Was macht eigentlich so’ne Achtsamkeitstrainerin und MBSR*-Lehrerin?«

Interview mit Julia Seegebarth beim Coach-Treffen der Scharlatan Academy
Scharlatan Academy
Foto: Nadine Grenningloh

6. Dezember 2019

Im Januar 2019 startete die Arbeit des Coaching-Pools der Scharlatan Academy. Mittlerweile stehen der Academy 30 Coaches bundesweit zur Verfügung. Jeder mit einem eigenen Themenschwerpunkt. In einer Interviewreihe stelle ich einige davon vor. Heute spreche ich mit Julia Seegebarth, sie ist MBSR-Lehrerin und Achtsamkeitstrainerin.

Was macht eigentlich so’ne Achtsamkeitstrainerin und MBSR-Lehrerin?
In meinen MBSR-Kursen, Trainings und Coachings vermittele ich wissenschaftlich gut untersuchte Methoden, um meine Mitmenschen wohlwollend darin zu unterstützen, eine offene und liebevolle Haltung sich selbst und anderen gegenüber einzunehmen. Ich zeige Wege zur Selbstwahrnehmung, Selbsterkenntnis, Selbstregulation und zur Nutzung und (Re-)Aktivierung heilsamer Ressourcen, die zur Entwicklung und Kultivierung einer achtsamen und mitfühlenden Haltung führen.

MBSR steht für Mindfulness-Based Stress Reduction oder »Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion«. MBSR ist ein von Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn entwickeltes, weltweit etabliertes, achtwöchiges Trainings- und Stressbewältigungsprogramm, was uns darin schult, nicht nur in stürmischen Zeiten einen klaren Kopf und Geist zu bewahren, sondern insgesamt besser mit uns in Kontakt zu sein, um ein ausgeglichenes, bewusstes und gesundes Leben zu führen.

Achtsam zu sein ist eine Geistes- und Herzensqualität und bedeutet, dem jeweiligen Augenblick und allem, was sich in uns und um uns herum gegenwärtig gerade zeigt, mit einer nicht-wertenden, offenen und annehmenden inneren Haltung zu begegnen.

Wir wenden uns dem, was wir gerade denken, fühlen und tun, im Kontakt mit uns, mit unserem Gegenüber oder der äußeren Situation, vollständig und präsent zu. Wir »erforschen« den gegenwärtigen Moment in seiner ganzen Fülle und spüren, was wir erleben, während wir es erleben. Sein und Tun bilden eine Einheit. Indem wir innehalten, unseren inneren Raum betreten, tiefer schauen und erlauben, dass sich alles zeigen darf, erkennen und lernen wir, unbewusst ablaufende Reiz-, Reaktions- und Verhaltensmuster zu durchbrechen und schaffen damit Raum für bewusstes Neu-Erleben, neue Perspektiven und Handlungsfreiheit.

Gerade im Arbeitsalltag kann eine achtsame, innere Haltung heilsam und gesundheitsförderlich sein. Zunehmende Arbeitsverdichtung, kontinuierlicher Zeitdruck, schnelle Veränderung von Arbeitsprozessen, Informationsfülle, ständige Erreichbarkeit, Gefühle von Fremdsteuerung und Unsicherheit, fehlende Balance von Arbeit und Erholung sind die Ursache, warum es in vielen Unternehmen zu einer drastischen Zunahme von Belastungen, Beanspruchungen und Stresserleben für den Einzelnen und für ganze Team kommt.

Die Schulung, Entwicklung und Kultivierung einer achtsamen Haltung erweist sich als ein wirksames Mittel, um im Arbeitsalltag automatisch ablaufende, dysfunktionale Reiz-Reaktionsmuster zu durchbrechen und durch bewusstes, präsentes Handeln zu ersetzen.

Das bedeutet auch, frühzeitig wahrzunehmen, wenn wir eine Pause brauchen und unser Fürsorgesystem zu aktivieren. Und durch Innehalten und der umfassenden Wahrnehmung der inneren und äußeren Situation entsteht Raum für kognitive Flexibilität, Kreativität und Selbstregulation. Daraus erwachsen erweiterte Bewältigungsmöglichkeiten für Herausforderungen und neue Handlungsfreiheit. Wir können oft nicht wählen, welche Herausforderungen uns im Leben begegnen, aber eine achtsame klare Präsenz im gegenwärtigen Augenblick, eröffnet uns die Freiheit, bewusst zu entscheiden, wie wir darauf antworten wollen. Unsere Antwort ist es, die bewirkt, ob dadurch Stress für uns entsteht, wir an der Herausforderung zerbrechen oder sie zu einem Lerngeschenk machen, daran wachsen, innerlich stärker und vielleicht sogar weiser werden. Gerne zitiere ich hier Laotse:

»Das, was ist, das ist, und erst wie ich damit umgehe, ist mein Beitrag zum Leben.«

Was sind dabei die Herausforderungen?
Die regelmäßige Übungspraxis ist ein wesentliches Element in den Kursen und Trainings, da sich nur durch wiederholte Trainingsreize unsere hirnphysiologischen Strukturen verändern und neurophysiologisch neue Verbindungen entstehen, die sich durch Lernerfahrung in Verhalten entwickeln.

Daher ist gerade in den ersten 8 Wochen des Trainings eine tägliche Übungspraxis von 30-45 Minuten Pflicht. Dieses tägliche Training setzt feste Entschlossenheit, Disziplin, intrinsische Motivation und eine Bereitschaft voraus, sich in seinem (Arbeits-)Alltag dafür die notwendigen Zeitfenster zur Verfügung zu stellen.

Das ist für viele Teilnehmer/innen eine echte Herausforderung. Aber es lohnt sich, wenn aus der zuerst empfundenen »Pflicht« durch die regelmäßige Praxis und das heilsame Erleben ein Bedürfnis bzw. schließlich eine innere Haltung wird, die einen festen Platz im Leben bekommt und als Ressource jederzeit zur Verfügung steht. Da die Übung und das Training von Achtsamkeit Menschen im Kern dessen, was sie sind, verändert, setzt der Umgang mit dem Thema in Organisationen oder Unternehmen eine besondere Sensibilität voraus. Für die Einführung und die Durchführung von achtsamkeitsbasierten Trainings bedarf es im Vorfeld daher einer sorgfältigen Auftragsklärung und einer guten unternehmensinternen Kommunikation. Die Motive und Hintergründe für die Integration und Implementierung achtsamkeitsbasierter Verfahren und Trainings in Personal- und Organisationsentwicklung können ganz unterschiedlich sein und hängen von der jeweiligen Ausgangslage, der Größe und den Zielen eines Unternehmens ab.

Dementsprechend können die Inhalte, die Methoden und der Umfang des Achtsamkeitstrainings an die Bedarfe der Mitarbeiter, Führungskräfte und des Unternehmens angepasst werden.

Mit welchen Werkzeugen arbeitest Du?
In meinen achtsamkeitsbasierten Kursen, Trainings und Coachings nutze ich grundlegende Achtsamkeitspraktiken wie Körperwahrnehmungsübungen (Body Scan), sanfte Bewegungsübungen aus dem Hatha Yoga (oder andere achtsame Körperarbeit) und die traditionelle Sitz- und Gehmeditation. Zusätzliche vermittele ich wertvolles Hintergrundwissen aus der Stressforschung, Neurowissenschaft und Verhaltenspsychologie in Form von Impulsvorträgen und interaktiven Gesprächen und Übungen. Zur nachhaltigen Verankerung und Stärkung der Selbstwirksamkeit erhalten meine Teilnehmer und Klienten ein Übungshandbuch zur Vertiefung der erlernten Inhalte und Audiomaterial mit den geführten und angeleiteten Übungen und Meditationen für das tägliche Üben zu Hause.

Zudem nutze ich im Coaching und in den Trainings angelehnt an meine ganzheitliche und biopsychosoziale Betrachtungsweise und meinem Verständnis vom wechselseitigen Einfluss von Geist, Psyche und Körper auf Gesundheitsverhalten und Gesundheitsentstehung auch Fach- und Methodenkenntnisse aus der humanistischen Psychologie und Medizin sowie aus der Neuro- und Gesundheitswissenschaft. Ebenso beziehe ich das Wissen aus der buddhistischen Psychologie und den naturheilkundlichen Methoden für ganzheitliche Medizin und Bewusstseinsentwicklung mit in meine Arbeit ein. So arbeite ich zum Beispiel im achtsamkeitsbasierten systemischen Coaching mit dem Insight-Dialog nach Gregory Kramer, der Transaktionsanalyse nach Eric Berne, mit der systemischen Gesprächsführung nach dem Mailänder Modell, Carl Rogers, Virginia Satir und Friedemann Schulz von Thun und der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Zudem nutze ich nach Bedarf und intuitiv das lösungsorientierte Coaching nach Steve de Shazer, hypnosystemische Ansätze nach Milton Erikson, NLP (NeurolinguistischesProgrammieren Richard Bandler und John Grindler) sowie Methoden aus der Kinesiologie, EMDR (nach Francine Shapiro) und wingwave®, um in der Prozessarbeit ein direktes Feedback vom Körperbewusstsein zu erhalten. Ich verlasse mich auf dem Entwicklungs- und Entstehungsweg in der Prozessarbeit mit meinen Klienten im Coaching und Training auf meine essentiellen Begleiter: Entdeckerfreude, Neugier, Offenheit, Intuition, Mitgefühl, Herzensweisheit und Lebenserfahrung.

Für wen hast du bisher gearbeitet?
Ich begleite in meinen MBSR-Kursen und Trainings im Präventionsbereich viele Einzelpersonen, bin aber auch in einigen Unternehmen für die Personalentwicklung als Trainerin und Coach projektbezogen im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und im 1:1-Setting/Coaching in unterschiedlichen Branchen tätig. Zudem arbeite ich in Kooperation mit Krankenkassen ebenfalls im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung projektbezogen oder als regelmäßige Begleitung mit Achtsamkeits-, Entspannungs- und Stressbewältigungskursen.

Kannst du ein paar Deiner Referenzen nennen?
AOK Bremen/Bremerhaven, SV Werder Bremen, OHB System AG (Bremen), AOK Rheinland/Hamburg, BGF Institut (Hamburg), DAK Gesundheit (Hamburg), Medical School Hamburg, Hamburger Sparkasse, HypoVereinsbank (Hamburg), Evangelische Bank (Kiel), Hamburg Port Authority AöR, Vattenfall, e.kundenservice Netz GmbH (Hamburg), Polizei Hamburg, bonprix Handelsgesellschaft mbH (Hamburg), Hamburger SV, Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (Li Hamburg)

Danke für das Gespräch!
Das Gespräch führte Sandra Kollmann

Sie haben Interesse an einem Coaching oder Fragen zum Coaching-Pool?

Unsere Projektleiterinnen der Scharlatan Academy Sophia Tillmann und Lina Fischer freuen sich über Ihren Anruf oder Ihre Mail:
Sophia Tillmann: sophia.tillmann@scharlatan.de, 040-23710343
Lina Fischer: lina.fischer@scharlatan.de, 040-237103
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*(MBSR steht für Mindfulness-Based Sress Reduction)