Neun Fragen an ein neues Jahrzehnt

Eine Glosse von Ali Wichmann
Was uns bewegt
Foto: SJSK

17. Januar 2020

Ich träume davon, dass die nun angebrochenen neuen Zwanziger anders verlaufen, als die »roaring twenties« des vergangenen Jahrhunderts. Nicht nur wirtschaftlicher Aufschwung, Entwicklung des Autos als Massenverkehrsmittel und Konsumgüterrausch sollten das Ziel sein. In diesen neuen »twenties« könnten doch Umverteilung, Solidarität und menschlicher Umgang miteinander als Ziel einer Entwicklung in einer Epoche stehen.

Darum die Neun: Im antiken Griechenland gab es neun Musen, im Buddhismus ist sie die höchste spirituelle Macht und in der Kosmologie des Islam baut sich das Universum aus neun Sphären auf. Wir feiern Beethoven`s 250. Geburtstag und damit den Schöpfer der Neunten Symphonie, mit Schillers Ode »An die Freude« und die tolle Zeile »Alle Menschen werden Brüder«.
Und ich habe:

Neun Fragen an ein neues Jahrzehnt

Wie wäre es, wenn die nun angebrochenen neuen Zwanziger eine Dekade würden, in der die Menschheit aufbricht in ein Zeitalter der Wertschöpfung, der Wertschätzung? Eben »der Umwertung aller Werte« wie Nietzsche es einmal bezeichnet hat.

Wie wäre es, wenn wir aufhören würden, die kapitalistische Wirtschaftsform als freie oder noch schlimmer, als soziale Marktwirtschaft zu verniedlichen. Sie basiert auf Konkurrenz, Kampf, zynischen Lügengebäuden, die dem Machterhalt von Marktführern dienen, die mit rücksichtsloser Ressourcen-Ausbeutung und einer Eiseskälte die Pole schmelzen lassen. Ja, genau, nach mir die Sintflut. Erstrebenswert wäre doch ein anderes Wirtschaftssystem zu entwickeln, das unter anderem Gerechtigkeit und Kooperation zum Ziel hat.

Wie wäre es, wenn die Gesellschaft in der wir leben, wenn du und ich aufwachen und Haltung zeigen? Uns gemeinschaftlich in eine Verantwortung begeben, die gegen Rechtspopulismus und faschistoider Tendenzen Standpunkte bezieht und mutige Kräfte dagegen entwickelt, die wirkungsvoll sind. Als Unternehmer*in, als Politiker*in, als Lehrende*r, als Meinungsführer haben wir die gesellschaftliche Verantwortung, das »Wir sind viele« in konkretes Verhalten und umgesetztes Denken entwickelt wird.

Wie wäre es, wenn TUI und andere aus der Tourismusbranche Bildungsreisen anbieten, zu Moria auf Lesbos, zu Kakuma in Kenia oder anderen völlig überfüllten Zeltlagern. Nach diesen Reisen könnte es besser gelingen, dem Artikel 1 des Grundgesetzes: »DieWürde des Menschen ist unantastbar« mehr Gewicht zu verleihen.

Wie wäre es, wenn wir Schüler*innen, die am Freitag auf die Straße gehen, um »Fridays forfuture« zu leben, aktiv unterstützen? Anstatt sie mit einem Ordnungsgeld zu belegen? Machen wir aus einem wöchentlichen Freitag einmal im Jahr eine »week for future«, eine ganze Woche. Alle gemeinsam.

Wie wäre es, Krieg nicht als Synonym für Frieden zu benutzen, sondern Schwerter zu Pflugscharen zu machen und das ins Grundgesetz aufzunehmen?

Wie wäre es, wenn es ein Pflichtschulfach gäbe, in dem Achtsamkeit, Gemeinwohl, Solidarität und gewaltfreie Kommunikation gelehrt und gelernt würden. Und zwar mit Lehrer*innen die so leben, wie sie es lehren. Pflichtlektüre wäre »Gemeinwohl-Ökonomie« von Christian Felber, »Anleitung zum Unglücklich sein« von Paul Watzlawick, die täglichen Börsennachrichten und der Wetterbericht.

Wie wäre es, wenn Frauen die Chance hätten, uns Männern zu zeigen, das sie uns nicht brauchen, um ihre Interessen durch zu setzen. Die Quote ist weiblich, also sollten die Frauen entscheiden, ob sie sinnvoll ist.

Wie wäre es, wenn wir achtsamer miteinander umgehen würden, mit mir, mit dir und allen anderen?

Ich finde, es ist an der Zeit, sich nicht für das neue Jahr und Jahrzehnt gute Vorsätze vorzunehmen. Machen wir aus diesem Jahr, aus diesem Jahrzehnt ein Gutes. Irgendwann steht dann in den Geschichtsbüchern: »2020 the decade of participation«. Ganz getreu der Ode »An die Freude«:

»Alle Menschen werden Brüder*innen«.

Mit bestem Gruß

Ihr Ali Wichmann