Eingreifen statt Wegschauen

Esther Bejarano, Microphone Mafia und Bertini-Preisträger gemeinsam auf der Bühne
Was uns bewegt

2. November 2018

»Ich wünsche mir, dass nie wieder geschwiegen wird«, sagte die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano gestern Abend im Scharlatan Theater.

Es war ein besonderes Erlebnis, die 93-jährige Esther Bejarano, die Hip-Hop Band Microphon Mafia, die Bertini PreisträgerInnen und die Veranstalter, der Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. mit Ihrer Veranstaltung bei uns im Scharlatan Theater erleben zu dürfen.

»Wir sind für das verantwortlich, was sein wird«, sagte Herr Abel einleitend. Es ist der Leitspruch vom Freundeskreis, der sich gegen die Ideologie der alten und der neuen Nazis engagiert. Anschließend wurden im Wechsel Musikstücke der Hip-Hop Band Microphone Mafia und Esther Bejarano und beeindruckende Schüler-Beiträge ausgewählter Bertini-Preisträger 2018 dargeboten.

»Die Musik hat mir das Leben gerettet«, erzählt Esther Bejarano, bevor sie einen für diese Gruppe ungewöhnlichen Song anstimmt – ein deutsches Schlagerlied. Dieses Lied hat ihr das Leben gerettet.

Ihre Eltern wurden 1941 von den Nazis ermordet. Esther Bejarano ist zu diesem Zeitpunkt in einem Zwangsarbeitslager bei Fürstenwalde und wird zwei Jahre später, mit 18 nach Auschwitz deportiert. Dort wird die Nummer 41948 auf den linken Unterarm tätowiert. Als im Lager ein Mädchenorchester gegründet wird, sagt sie, sie könne Akkordeon spielen. Und da sie die Zeilen des Schlagers »Bel Ami« kennt, wird sie Teil des Auschwitz-Orchesters. Jetzt muss sie keine Steine mehr schleppen. Aber nun muss sie für die eintreffenden Häftlinge singen. »Ich musste da stehen und spielen, wenn neue Transporte aus ganz Europa ankamen. Wir wussten, dass sie in die Gaskammern gehen. Die Ankommenden wussten das nicht, sie haben uns zu gewunken. Obwohl ich sehr viel erlebt und gesehen habe, war das mit das Schlimmste, was ich erlebt habe.«

Die Bandmitglieder, ein Muslim und ein Christ, rappen; Esther, die Jüdin, singt. Drei Generationen aus drei Religionen spielen neben »Bel Ami« Lieder über den jüdischen Widerstand, antifaschistische, antimilitaristische Lieder, auf Jiddisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Türkisch. »Das ist so wichtig zu begreifen«, sagt Esther Bejarano. »Hier stehen Menschen aus drei Religionen auf der Bühne. Und es ist wunderbar.«

Die Schüler der ausgezeichneten Projekte kamen auch selbst zu Wort und konnten sich abschließend in einer Gesprächsrunde auf der Bühne mit Esther Bejarano austauschen. Jedes einzelne Projekt der Schüler war zutiefst erschütternd. Es ist mehr als empfehlenswert, sich diese ausgezeichneten Arbeiten anzusehen.

»Was würden Sie sich von uns wünschen?«, fragte zuletzt eine Schülerin Esther Bejarano. Und die Antwort kam prompt: »Nie wieder schweigen! Ich wünsche mir, dass die Erinnerung für immer weiter getragen wird und Ihr euch immer einmischen werdet. Und wenn ich Projekte wie die der Bertini-PreisträgerInnen – Eure Projekte – sehe, sehe ich, dass Ihr es schon tut. Das gibt mir Zuversicht.«

Veranstaltungen wie diese rütteln auf, erinnern, zeigen sowohl in die Vergangenheit als auch in die Gegenwart und in die Zukunft. Wir sind zutiefst beeindruckt von den Worten, Werken und Gedanken, die hier bei uns gesprochen, gezeigt und gesungen wurden.
Danke für diesen Abend.

 

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