»Die Empörung«

Eine Glosse von Frank Duden
Was uns bewegt
Foto: SJSK

23. September 2020

»Das ist doch eine Frechheit, was die hier mit uns machen!« Mit diesem im Feierabend-Gedränge auf dem S-Bahnsteig in ein Handy geraunzten Satz, verschafft eine Frau ihrer Empörung Gehör. Gerade so laut, dass die Umstehenden Notiz davon nehmen müssen. Auslöser des Unmuts war die vorangegangene Lautsprecherdurchsage: »Aufgrund eines umgestürzten Baums auf den Gleisen auf der Strecke zwischen Harburg und Stade verkehren die Züge mit einer Verspätung von bis zu 30 Minuten, wir bitten um Entschuldigung.«

Schlimm ist es, immer Ärger herunterschlucken zu müssen und ein kurzes Gewitter reinigt bekanntlich die Luft. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich bisweilen zu impulsiven (Über-) Reaktionen neige. Ich war aber gerade in bester Laune und auch die Aussicht, noch einige Zeit auf dem sonnendurchfluteten Bahnsteig, warten zu dürfen, fand ich sogar angenehm. Ich hatte also Zeit über den Satz der Frau nachzudenken. Wer sind eigentlich »die«? Was ist hier »die Frechheit«? Woher kommt diese Empörung?

Möglicherweise daher: Andere, höhere Mächte haben für mich, aber nicht in meinem Sinne entschieden. Ich kann nur hinnehmen. Wobei es nicht beim Hinnehmen bleibt. Man leidet, erleidet, will aber nicht dulden und ist zurecht empört. Wohin mit dem Groll über die Ungerechtigkeit? Raus damit, in die Welt. Das muss ans Licht, in die Öffentlichkeit. Nur eben nicht dahin, wo eine Veränderung aktiv erwirkt werden könnte. Dann wäre man ja um die schöne Opferrolle gebracht worden. Man müsste sich gar konstruktiv mit dem Problem auseinandersetzen und mit einer möglichen Lösung beschäftigen. Nein! Zu anstrengend. Ist die Schuldfrage geklärt, hat die Wut eine Projektionsfläche, kann der Frust sich daran abarbeiten und nagt nicht mehr ganz so stark an der eigenen Ohnmacht, Dinge nicht beeinflussen zu können. Für den Autor sind solche Äußerungen als O-Töne das Quäntchen, was einem geschriebenen Text die nötige Authentizität verleiht. Im Theater, auf der Bühne, hat man die Chance sich über eine Rolle ein Ventil für aufgestauten Emotionen zu verschaffen. Vielleicht sind Menschen deshalb nach Theaterworkshops geradezu euphorisiert. Weil sie endlich einmal Dinge tun durften, die sonst in ihrer Umgebung nur zweifelnde Gesichter und Unverständnis erzeugt hätten?

»Was bin ich doch für ein glücklicher Mensch in meinem Beruf«, denke ich, als auch schon unerwartet pünktlich meine S-Bahn einfährt und ich beschwingt einsteige. Mit ungebremstem Schwung ramme ich mit meinem in 1, 93 Meter thronenden Schädeldach den oberen Türholm. »Scheiß Zwergenbahn!«, schimpfe ich. Ein Teilnehmer einer Veranstaltung hat letzte Woche sehr schön formuliert: »Wenn der Mensch nicht schwimmen kann, ist meistens die Badehose schuld!«

Mit bestem Gruß

Ihr Frank Dudden

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