»Decodier-Fehler«

Eine Glosse von Frank Dudden
Was uns bewegt
Foto: SJSK

23. März 2021

Das Auto sieht nach einer kurzen Strecke über die Tauwetter-Autobahn aus, wie nach drei Wochen Paris-Dakar. Auch wenn mein Wagen für mich lediglich ein Gebrauchsgegenstand mit praktischem Wert ist, entschließe ich mich zu einem Abstecher auf die Tankstelle meines Vertrauens, mit Waschanlage. Einmal Komfortwäsche mit oben und untenrum waschen, föhnen, legen usw. Das volle und vor allem teuerste Programm. Wenn ich schon nicht (mehr) zum Friseur muss, kann ich ja wenigstens einmal im Jahr für die kosmetische Grundpflege meines Fahrzeugs sorgen. Der Hochdruckreiniger, mit dem ich vorweg dem gröbsten Schmutz zu Leibe rücke, duscht mittels defekter Düse nicht nur den Wagen, sondern auch den Halter, also mich. Tropfnass fahre ich den Wagen in die Waschanlage und scanne draußen den Barcode auf der Quittung. »Sie erhalten die Basispflege« informiert mich das Display. Ok, Gesprächsbedarf. Ich beschreibe dem jungen Mann hinter dem Tresen meine Erfahrung mit der Hochdruckdüse. »Das sind die Kunden. Die schmeißen die immer irgendwohin und dann geht die halt kaputt.« Aha. – »Ich habe mal eine einfache Halterung aus zwei Kabelbindern und einem Stück Abflussrohr vom Baumarkt gesehen…«, versuche ich es proaktiv. »Was soll ich da machen? Das ist nicht mein Laden!« Ok. Dann ist da ja noch die Sache mit dem falschen Waschprogramm. »Oh was, schon wieder? Das passiert dauernd.« – »Vielleicht sollten Sie doch einmal ihren Chef darauf ansprechen. Vielleicht ist der für den Hinweis ja sogar dankbar!« »Sie können sich ja bei Google beschweren, wenn sie so viel Zeit haben. Nee ehrlich, machen sie das mal!» – »Aber das Problem steckt doch wo anders.« – »Wen meinen Sie? Mich?«, fragt er jetzt sichtlich gereizt. – »Nein, in der Kasse«, antworte ich und nehme die Differenz-Erstattung entgegen. – »Kann ich nichts machen. Decodier-Fehler!« Genau, das denke ich auch. Wenig später im Supermarkt scheitere ich (mal wieder) an der Self-Service-Kasse. Eine mechanische Stimme plärrt: »Scannen wiederholen – Es befinden sich noch nicht gescannte Artikel im Warenkorb – Bitte eine andere Zahlungsart wählen – Abbruch, bitte versuchen sie es noch einmal«. Leise vor mich hin fluchend werfe ich alle meine Artikel wieder in den Einkaufswagen, stapfe zur freien Kasse nebenan und nehme im Augenwinkel wahr, dass eine Mitarbeiterin des Ladens gestikulierend auf mich zusteuert. »Sie müssen…« Weiter kommt sie nicht, denn ungebremst schimpfe ich los: »Ich muss hier gar nichts! Diese scheiß Scanner funktionieren nie richtig!« Sie hört sich meine Tirade ruhig an und sagt dann aufrichtig lächelnd. »Da haben Sie vermutlich Recht. Ich wollte Ihnen gerade helfen. Vermutlich war das nur ein Decodier Fehler.« Womit sie deutlich Recht hat. Ich habe mich mehrmals bei ihr entschuldigt. Und wir haben uns noch kurz über die nervigsten Alltagsautomatisierungen amüsiert. Kleiner Beifang zum Thema Digitalisierung: Auch wenn binäre Codes viele Dinge vereinfachen, der Unterschied bei der Entscheidungsfindung zwischen Maschine und Mensch liegt im verstehen können und verstehen wollen. Und am »Wollen« können wir Menschen täglich arbeiten. Der Rest ist Einstellungssache, oder? Es heißt zwar: »Viel Feind-viel Ehr!«, aber besser wäre doch: »Viel Freund-viel Spaß!«

Mit bestem Gruß

Ihr Frank Dudden

Unsere Glosse gibt stets ausschließlich die Sicht oder Meinung des jeweiligen Autors, der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der Redaktion und der MitarbeiterInnen bei Scharlatan. Bei uns arbeiten mehr als 15 feste und an die 100 freie Mitarbeiter und in etwa genauso viele Meinungen gibt es zu jedem Thema. Wir finden das gut: zu debattieren, konstruktiv zu streiten, Haltungen zu entwickeln. Schreiben Sie uns daher gerne, wenn Sie anderer Meinung sind!